nur die Stille ist lauter

Von Astrid Nischkauer / auf fixpoetry.com

Wetter, lautet der Titel des im Limbus Verlag erschienenen neuesten Gedichtbandes von Hermann Niklas. Was für ein Titel für einen Gedichtband! Da denke ich gleich einmal an die Wetterbücher von Hans Jürgen von der Wense, welche im Wespennest Nr. 176 zum Thema Klima kurz vorgestellt wurden. Oder an Das Wetter vor 15 Jahren von Wolf Haas, worin der Protagonist die genauen Wetterverhältnisse der vergangenen Jahre in einem bestimmten Alpendorf auswendig kann und deswegen zur Fernsehshow „Wetten, dass.. ?“ eingeladen wird. Als er dann ausgerechnet nach dem genauen Wetter an dem für sein Leben bisher wichtigsten Tag gefragt wird, bringt er jedoch nur „ein Wetter“ über die Lippen, was vom Moderator dann als österreichisch für „ein Gewitter“ und damit als richtig gewertet wird.

Und dann gibt es ja auch zahlreiche berühmte Beispiele aus der Literaturgeschichte, die mit einer Beschreibung des Wetters beginnen, Musils Mann ohne Eigenschaften („Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.“) oder Becketts Murphy („Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.“), um nur zwei Beispiele zu nennen. Und nicht allein in der Literatur ist Wetter und Wetterbeschreibung ein großes Thema sondern gleichermaßen in der Bildenden Kunst und der Musik. Und nicht zuletzt denkt man beim Titel Wetter an die täglichen und nicht immer zutreffenden Wetterprognosen. Aber damit hat Hermann Niklas’ Wetter nichts zu tun, verschont er uns doch in seinen Gedichten mit der klassischen Wetterberichtsrhetorik. Querverweise auf literarisch, bildnerisch oder musikalisch verarbeitete Wetterberichte konnte ich auch keine in seinen Gedichten finden, man möge mich aber korrigieren, sollte es diese doch geben.

Wie uns der Titel Wetter schon verrät, geht es in den Gedichten auch tatsächlich ums Wetter, doch nicht ausschließlich, denn zugleich handeln sie immer auch von Zwischenmenschlichem, gibt es in ihnen doch ein Du, ein Ich und ein Wir. Hermann Niklas spricht nicht durch die Blume, wie man sagt, sondern durch die Wolke: „dein Lächeln ein Auftürmen von Wolken“. Oder auch: „das Blau ist eine Lüge es ist die Streuung / komm in das Rot und bleib bei mir“. Mitunter kippt ein scheinbares Wetterbeschreibungsgedicht auch im letzten Moment dann doch noch um und wird zu einer sehr direkten Liebeserklärung:

[…]
nach oben tauschen sich aus die Pölster aus Luft
eine Leiter mit Inversionen die Luftdruckgebiete
durch den Passat die Azoren die Polarkappen
doch kein Druck keine Reibung so schön wie die
wenn du auf mir liegst

Es gibt in den Gedichten auch einen Moment der Bedrohung, die von außen kommt. Bedroht fühlt sich das Ich dabei aber nie selbst, sondern seine Liebsten. Bedrohlich wird das Unwetter und der Sturm in dem Augenblick, als das radfahrende Ich vom schwangeren Du in der Straßenbahn getrennt ist und mit aller Kraft gegen den Sturm antritt um rechtzeitig bei ihr zu sein, wenn sie aussteigt und damit den Gefahren des Unwetters ausgesetzt ist. Und als Bedrohung werden die zwei heranrasenden Hunde ohne Leine dann empfunden, wenn im Tragetuch am eigenen Körper das Kind ruhig schläft.

Neben dem Wetter und Zwischenmenschlichen geht es in den Gedichten auch um Landschaften (Wald und Berge), Tiere (zum Beispiel Schnecken, Asseln, Käfer) und Pflanzliches. Wobei kaum spezifische Pflanzenarten genannt werden, sondern das Pflanzliche als Metapher für das Denken dient: „meine Gedanken sind      Wildnis / unstrukturiert wuchernd“. Das Wachstum der Pflanzen interessiert dabei mehr, als die Pflanze selbst: „mathematisch irrelevant ist mein Körper / geheimnisvoll mein Wuchs“.

Hermann Niklas hört in seinen Gedichten nicht nur der Natur und der Stille aufmerksam zu – „die Vögel sind laut nur die Stille ist lauter“ – sondern auch seiner eigenen Sprache und so findet man innerhalb der Gedichte immer wieder feine Klangverbindungen zwischen Worten, beispielsweise wenn „taub“ in der nächsten Zeile zu „Taube“ führt und „Bein“ zu „beinah“: „das rechte Bein ist dabei taub zu werden horch / die Taube mit schorfem Flügelschlag beinah“.

Die Wettervorkommnisse in den Gedichten werden auf höchst ungewöhnliche Art und Weise beschrieben. Einzelne Sätze davon bleiben einem einfach im Gedächtnis hängen, wie zum Beispiel: „ein Taucher in der Wüste findet Blitze aus Sand“. Wiederholt wird das Wetter auch wie ein Gebäude beschrieben, einmal stehen wir „an einer weiß getünchten Wand“, bis das Bild plötzlich umkippt und die weiße Wand zu vorüberziehenden Wolken wird. Ein andermal wird die dicke Wolkendecke als bedrohliche Betonplatte über einem empfunden: „eine Platte Beton über mir / mit Rissen von Blau sie hält / bis sie fällt“ Bei dieser Stelle muss ich natürlich an Asterix und Obelix denken und an die mutigen bzw. streitsuchenden Gallier, die sich vor nichts fürchten außer davor, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte.

Richtet man den Blick in den Himmel, so sind dort oft, wenn auch nicht immer, Wolken zu erblicken. Zu Wolken gäbe es sehr viel zu sagen. In der Bildenden Kunst sind sie ein Kapitel für sich und so gab es beispielsweise 2013 auch schon einmal eine eigene Wolken-Ausstellung im Leopold Museum in Wien, die ich in guter Erinnerung behalten habe. Wolken jedoch mit Worten beschreiben zu wollen, ist keine leichte Aufgabe und so kapituliert das Ich in den Gedichten schon einmal vor schlicht und ergreifend unbeschreiblichen Wolken:

ich weiß nicht zu beschreiben
wie die Wolken stehen
am Morgen am Abend am helllichten Tag
wie es strahlt in meine Augen reflektiert
es wäre Irrsinn das zu wollen
der Himmel ist ein Tier

Auch hier hat Hermann Niklas wieder sehr genau hingehört und so das „Tier“ in „reflektiert“ entdeckt.

Der Gedichtband ist in drei Kapitel unterteilt, die da lauten: „Erdschicht“, „Luftschicht“ und „Grenzschicht“. Im Verlauf des Bandes werden die Gedichte langsam aber stetig immer verknappter und komprimierter. Das hängt auch mit der Kapitelordnung zusammen, da die Luft von der Erdschicht über die Luftschicht bis zur Grenzschicht immer dünner wird und damit der in den jeweiligen Schichten schreibende Dichter notgedrungen immer kurzatmiger wird. Oder anders betrachtet könnte man auch sagen, dass die Gedichte immer leichter werden, je höher hinauf wir uns von Schicht zu Schicht arbeiten. Atemlos lässt auch uns das letzte Gedicht zurück, das alles mit nahezu nichts sagt und in all seiner Kürze unheimlich schön ist:

acht Minuten altes Licht
das uns trifft

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/hermann-niklas/wetter


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