Die feine Unterwäsche unseres Bewusstseins

von Erkan Osmanovic / Rezension auf http://www.literaturhaus.at

Dies sah ich an einem Tag am Himmel

„Heut’ ist schönes Wetter!“ Wer hat diesen Satz nicht schon tausendmal gehört, gesagt oder geschrieben? Die Sonne, die Wolken, der Regen und auch der Schnee – das ist alles selbstverständlich für uns. Wenn es regnet, hagelt oder stürmt, bleibt man daheim, aber kommen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke, dann geht es ab ins Freie.

Doch ist das wirklich alles? Ist die Witterung nicht auch ein Gradmesser für unseren Gefühlshaushalt? Ist das Wetter vielleicht gar nicht so selbstverständlich, wie wir oft meinen? Hilft uns ein Blick nach oben, um uns selbst verständlicher zu werden? 

In seinem neuen Lyrikband Wetter beobachtet Hermann Niklas nicht nur das Wettergeschehen, sondern tritt in Dialog mit ihm. Das Wetter nimmt an seinem Leben teil oder eher sein Leben am Wetter? Das alles beobachtet Niklas und verpackt es in Lyrik. Mit einem durchdringenden Ton nimmt er uns mit in seine Betrachtungen und beginnt den Abschnitt Erdschicht mit irdischen Geschöpfen: 


immer Antilopen an den Knochen der fünf Finger
rasen drüber und das Gras blitzt auf wie

Sonnenklingen
du kannst dich in den Lehnstuhl an die Reling untern
Blumenstrauch
bist ein Geoid mit Rückstrahlfähigkeit doch das
funktioniert schon digital
analoge Hände greifen in den Tau auf den Blättern sitzt
ein Tropfen
drauf kannst du gehen und die Landschaft rundum
ändert sich ich sage Jahreszeiten

du klappst den Skalp auseinander dort leuchten
Sprachornamente sagst es ist nicht nur das 
auch die Pausen in denen Wind weht
kein Mund geht auf
die Rehe


Die ersten Worte bringen uns zum Schwanken und schon nach vier, fünf Zeilen schweben wir. Es wird klar: Niklas beginnt klar und bodenständig, aber die weitere Reise wird umso luftiger. 

Die Erdschicht mit ihren Gerüchen und Einschränkungen bleibt liegen, sie kann nicht mitgenommen werden in den zweiten Abschnitt, die Luftschicht. Hier schärft sich der Blick für das Gegenüber, aber auch die Natur – mit all ihren Facetten: „wir schaufeln uns Zucker in die Luft / als ob da eine Atmosphäre wäre / du stehst vor mir als könnten sie nicht brechen / deine Stelzen aus Glas / seid Steine neben Wolken und Transpiration der Pflanzen / Mineralien schöne“.

Die Natur ist es auch, die neben dem Wetter als Rahmen für Niklas‘ poetischen Flug dient. Eigentlich wird sie zum dritten Dialogpartner oder zum Teil des lyrischen Ichs: „durch Dunkel schneide Silhouette / bin ich im Atem / Zufriedenheit wirft Schatten / wer kann warten / spiegelt Licht von Pfützen / das sind Augen / Füße treten nach der Erde / bin blau / wenn ich ein Tier bin jeden Morgen“. 

Ein erneuter Blick auf den eigenen Körper? Auf das Animalische? Ist das alltägliche Tier vielleicht auch nur der Blick auf den eigenen Bartwuchs – übersetzt in Poesie? 

Genau die Unklarheiten machen Wetter so lesenswert. Das „ich“ ist mal ein „du“, aber auch immer wieder ein „wir“ – verschiedene Wolkenformationen. Dabei wechseln sie inhaltlich zwischen Hoch- und Tieflagen. Zwischen all den Bildern voller Lebensdichte wechseln die Verse Niklas’ auch ins Moll: „in der Rede unserer Väter / wir brachen / Bäume als Zeugen /? Tiere starben / wir wuchsen zu dem Ganzen /? die Schritte nicht mehr hohl /?du bist ein Atemzug am Abend / die Hände fließen ruhig wie Strom“. 

Der letzte Abschnitt Grenzschicht bringt uns nicht nur in die Exosphäre, sondern auch in die Abstraktion. Während die ersten Gedichte noch Reste menschlichen Lebens besitzen, weicht dieses in den späteren Versen verstärkt der Natur: „der Bug des Boots / ist Grund der Quelle / der Stein schreit / die Luft erschrickt“.

Aber auch das ist nicht von langer Dauer und ehe man sichs versieht findet man sich selbst im All. Weder lachen, weinen noch sprechen wir jetzt mit dem Wetter – welches Wetter denn auch? Befinden wir uns nicht in der Leere, im Nichts? 

„schlafen am Mond / wir wachen im Schwarzen / weit weg sind die Schatten / unter Planeten allein“, kommt es uns entgegen. Sind wir gar im Jenseits gelandet? Aber nein, da ist sie ja wieder, die Wärme der Sonne. Das letzte Gedicht des Bandes bringt sie mit sich, „acht Minuten altes Licht / das uns trifft“.

Hermann Niklas nimmt uns in Wetter mit auf eine Messung. Er beobachtet die (persönliche) Wetterlage, vergleicht Hochs und Tiefs, spürt Gewittern nach und verzeichnet Umschwünge. 

Die feine Unterwäsche unseres Bewusstseins wird hier zum Trocknen aufgehängt – hin und wieder flattert sie davon.


Erkan Osmanovic
17.04.2020


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